Bevölkerungsstatistik.

Wie hoch die Gesamtzahl der Bevölkerung im Kirchspiel Lohne in den früheren Jahrhunderten gewesen ist, läßt sich mit Sicherheit nicht mehr feststellen, da hierüber zuverlässige Nachrichten fehlen. 1669 werden 1080, 1682 1500 Seelen angegeben. Die erste genaue Zählung haben wir aus dem Jahre 1703. Sie ergab 2416 Einwohner. Während des 19. Jahrhunderts bewegt sich die Bevölkerungszahl zwischen 4000 und 5000, nimmt in der 1. Hälfte des Jahrhunderts zu, um die Mitte ab, um dann in der letzten Hälfte infolge Aufkommens industrieller Unternehmungen wieder zuzunehmen, von 1816-1855 Zunahme 316, von 1855 bis 1875 Abnahme 118, von 1875-1895 Zunahme 456, von 1900-1905 Zunahme 327, von 1905-1925 Zunahme 1366.

Die Verteilung auf die einzelnen Bauerschaften zeigt folgende Übersicht:

            Jahr:               1703   1821   1837   1846   1851   1864   1905   1925

Lohne                         570    1074   1161   1182   1209   1269   2177

Nordlohne                  307    601    590    606    597    542    737

Südlohne                   342    662    688    701    656    617    661    777

Ehrendorf                  244    442    772    484    498    428    522    590

Märschendorf            249    359    301    299    233    176    153    201

Bokern                       222    559    578    546    498    465    445    551

Brockdorf                  492    867    875    867    783    718    642    710

Gesamtzahl               2416   4564   4665   4605   4474   4215   5337   6703

Nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 verteilt sich die Bevölkerung von Lohne Land auf die 10 Bezirke wie folgt: Rießel 362, Nordlohne 438, Brägel 395, Südlohne I 404, Südlohne II 373, Ehrendorf 590, Märschendorf 201, Bokern 551, Brockdorf I 473, Brockdorf II 237, Gesamtsumme der Einwohner von Lohne Land 4024; Lohne Stadt hatte 2679 Einwohner. Die Gesamtzahl der Bevölkerung des Kirchspiels Lohne war somit 6703, Zunahme in den letzten 20 Jahren 1366.

Wenn in dem Zeitraume von 1703-1821, also innerhalb einer Zeit von etwas mehr als einem Jahrhundert, die Einwohnerzahl von 2416 auf 4564 gestiegen ist, so kommt das neben der aufkommenden Industrie auf Rechnung des zunehmenden Heuerlingswesens. 1703 waren auf den größten Höfen höchstens 3, auf den mittleren 1 bis 2 Heuerleute, um 1820 auf den größeren Höfen 6-7, auf den kleineren 3 Heuerleute.

Für die Veränderung der Volksziffer kommt das Verhältnis der Geburten zu den Sterbefällen und dasjenige der Auswanderung zur Einwanderung in Frage. Über die Zahl der Ausgewanderten um die Mitte des 19. Jahrhunderts haben wir keine statistische Nachrichten. Tatsache ist, daß viele, namentlich Heuerleute, nach Amerika, einige auch nach dem Osten ausgewandert sind. Nicht alle Bauerschaften sind an der Veränderung der Volksziffer in gleichem Maße beteiligt. Der Ort Lohne zeigt infolge von Einwanderung das ganze Jahrhundert hindurch steigende Tendenz. Die meisten Verluste zeigen die Bauerschaften Märschendorf, Bokern und Südlohne. Bei Märschendorf ist jedoch zu beachten, daß die Familien auf den Höfen Ahlerding in Carum, Ording in Bakum-Märschendorf und Voet in Bahlen, die früher zu Lohne gehörten und 1703 etwa 60 Seelen ausmachten, bei den letzten Zählungen nicht mehr mitgerechnet sind. Über das Verhältnis der Geburten zu den Sterbefällen geben uns die Kirchenbücher Aufschluß. Eine Gegenüberstellung der Geburten und der Sterbefälle im 1. Jahrzehnt des 18., 19. Und 20. Jahrhunderts zugleich mit der Zahl der Eheschließungen möge das Verhältnis veranschaulichen.

Wenn wir die Geburtenziffer des 1. Jahrzehnts der letzten 3 Jahrhunderte mit einander vergleichen, so sehen wir eine nicht geringe Erhöhung, aber dieser entsprechend auch eine höhere Ziffer der Sterbefälle. In einigen Jahren übertrifft die Sterblichkeitsziffer die Geburtenziffer, so 1706. Das war auch der Fall in den hier nicht genannten Jahren 1780, 1797, 1847, 1857. Überaus groß war die Kindersterblichkeit. Seit 1771 wird in den Sterberegistern auch die Todesursache angegeben. Mögen auch die Angaben, weil von nicht-ärztlicher Seite gemacht, nicht immer der Wirklichkeit entsprechen, so geben sie doch im großen und ganzen ein Bild von dem Gesundheitszustande in den einzelnen Jahren. Das Kirchspiel Lohne gehört zu den Gemeinden des Münsterlandes, in denen die Tuberkulose von altersher stark verbreitet ist und auch jetzt noch viele Opfer fordert. Zu der Tuberkulose kamen dann noch oft ansteckende Krankheiten hinzu. An Blattern starben 1780 von 110 Gestorbenen 56, 1787 von 86 Gestorbenen 23, 1791 von 85 Gestorbenen 22, 1798 von 71 Gestorbenen 29. An Typhus starben 1777: 21, 1778: 17, 1779, 1781 und 1788 je 14. Die Bevölkerungszunahme in den letzten Jahrzehnten ist zum Teil zurückzuführen auf die großen Fortschritte auf medizinischem Gebiete, zum Teil auf Einwanderung industrieller Arbeiter.*)

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*) Das Jahr 1847, wo es neben 105 Geburten 108 Gestorbene gab, war ein Hungerjahr. Das Jahr vorher hatte eine große Mißernte gebracht. Einem äußerst langen und strengen Winter war ein trockener Frühling und Sommer gefolgt, das Getreide wurde von einem Pilz befallen, auch die Kartoffelernte mißlang. Anfang des Jahres 1847 waren die Vorräte verbraucht, es kam die Hungersnot. Erst die Ernte das Jahres 1847, die sehr gut ausfiel, machte der Not ein Ende. In den meisten Fällen hat die hohe Sterblichkeitsziffer nicht so sehr ihren Grund in Unterernährung als vielmehr in gesundheitswidrigen häuslichen Verhältnissen. Namentlich die Alkoven (Durke), Schlafräume, die durch Bretterverschlag und Schiebetüren von dem Wohnraum getrennt sind, und in die kein Sonnenstrahl hineindringen kann, sprechen auch den bescheidensten Forderungen der Hygiene Hohn. Bei dem Mangel von Kelleranlagen werden Gemüse, Kartoffeln, Rüben u. a. in den Alkoven unter der Bettlade, die Milch auf Borten in der Stube aufbewahrt, Wäsche über dem Ofen getrocknet. Zuführung von reiner Luft ist nicht möglich, da die Fenster nicht geöffnet werden können und die Durke keine Oeffnung nach außen haben. Die Brunnen sind nicht selten aus Heideplaggen und Torfsoden notdürftig zusammengebaut und der Beschmutzung mit gesundheitsschädlichen Abfallstoffen ausgesetzt. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich Krankheiten einstellten. Seitdem Robert Koch den Tuberkel-Bazillus entdeckt hat, wurde der Kampf gegen die Tuberkulose durch Errichtung von Heilstätten und durch aufklärende Vorträge von ärztlicher Seite aufgenommen, aber überwunden ist sie noch nicht. Wundern muß man sich, daß noch heute auf dem Lande, aller Aufklärung zum Trotz, Neubauten errichtet werden mit nach Norden gelegenen, dem Sonnenlicht unzugänglichen Wohnräumen. Es wird viel geredet von der großen Wohnungsnot in den Städten, aber von den unhygienischen Wohnungen der Landbevölkerung hört man recht wenig. Erst in jüngster Zeit hat auf Antrag des Verbandes der Kleinlandwirte, Pächter und Heuerleute der oldenburgische Landtag Mittel zur Verfügung gestellt, unter der Voraussetzung, daß auch Amtsverband und Gemeinden sich beteiligen, um denjenigen, die ihre Alkoven beseitigen wollen, zum Umbau Zuschüsse zu geben.